Eine Sonderlösung für die kinderärztliche Notversorgung

Frau Czempiel und Herr Stephan von der Bürgerinitiative aus dem Zollernalbkreis

Kaum ein Thema hat in letzter Zeit in der Region die Gemüter so bewegt wie die Änderung beim Notdienst der Kinderärzte: Seit Anfang Februar sollen nach dem Willen der Kassenärztlichen Vereinigung die Sigmaringer Kinderärzte ebenso wie die Kollegen aus dem Zollernalbkreis die Wochenend- und Feiertagsdienste in den Portalpraxen Reutlingen und Tübingen leisten. Die Eltern in den beiden betroffenen Landkreisen zeigten sich beunruhigt, die Angelegenheit geriet zum Politikum: Zwei Bürgerinitiativen gründeten sich, auf Facebook fanden sich rund 8.500 Menschen zusammen – 6.000 aus dem Zollernalbkreis, 2.500 aus Sigmaringen – die die Situation nicht einfach hinnehmen wollten, eine Onlinepetition wurde gestartet, die Landräte, einzelne Parteipolitiker und der Kreistag des Zollernalbkreises schalteten sich in die Diskussion ein.

 

Der Anlass

 

Bisher taten die niedergelassenen Kinderärzte an den Wochenenden abwechselnd in ihrer jeweiligen Praxis Dienst. Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) hatte jedoch die Entscheidung getroffen, dass das ab Februar 2017 der Vergangenheit angehören soll. Statt vor Ort würden die Kinderärzte nun in den an die jeweilige Kinderklinik angegliederten Portalpraxen Reutlingen und Tübingen ihre Dienste leisten, hieß es. Das Ziel, dass die KVBW damit nach offiziellen Angaben verfolgt: Die Dienstbelastung der Mediziner soll verringert werden. Da sich in den Portalpraxen die Ärzte aus dem Zollernalbkreis und Sigmaringen mit denen abwechseln, die aus den Städten kommen, bedeutet die räumliche Verschiebung der Notversorgung automatisch weniger Termine, die der einzelne Pädiater abdecken muss. Die KVBW verspricht sich langfristig davon auch eine größere Attraktivität des ländlichen Raums für junge Ärzte. Es ist häufig schwierig, Nachfolger für eine Praxis fernab der größeren Städte zu finden. Die Kassenärztliche Vereinigung ist der Ansicht, dass die reduzierte Dienstbelastung hilfreich dabei ist, den Facharztnachwuchs von der Niederlassung in ländlichen Gebieten zu überzeugen. Zudem wäre es in einer Portalpraxis möglich, schwer kranke Kinder schnell stationär in der angegliederten Klinik aufzunehmen.

 

Für die Eltern stellt sich die Situation allerdings aus einer anderen Perspektive dar. Eine in der Bürgerinitiative im Zollernalbkreis engagierte Mutter berichtet, wie sie mit ihrer sechs Wochen alten Tochter auf dem Weg in die Reutlinger Kinderklinik schreckliche Minuten erlebt hat: Der Säugling hatte einen schweren Infekt und den Eltern – beide mit medizinischem Berufshintergrund – war klar, dass der Zustand eine Behandlung in der Kinderklinik notwendig machte. Das kleine Mädchen wurde mit einem Notfallmedikament versorgt und war stabil, so dass das Paar die Fahrt von Albstadt nach Reutlingen antreten konnte. Unterwegs geriet die junge Familie in einen Stau, der sich aufgrund eines Unfalls gebildet hatte. Der Zustand der Tochter verschlechterte sich plötzlich rapide, so dass der Familienvater mit waghalsigen Fahrmanövern dafür sorgen musste, dass der Säugling die Kinderklinik noch rechtzeitig erreichte. Bei der Ankunft im Krankenhaus war die Sauerstoffsättigung des Babys bereits auf kritische 80 Prozent gesunken. „Das war eine schreckliche Erfahrung, die auch anders hätte ausgehen können“, schildert die Mutter das mehrere Jahre zurückliegende Ereignis. „Ob ein Kind stabil ist oder nicht kann sich extrem schnell ändern. Wie sollen Eltern das einschätzen? So etwas darf man nicht verlangen“, begründet die Mutter dreier Kinder ihren Einsatz in der Bürgerinitiative.

 

Dass es nicht ohne Risiko ist, eine teils mehr als dreißigminütige Fahrt mit einem Kind anzutreten, das so krank ist, dass die Konsultation eines Facharztes notwendig wird, ist offenkundig. Dazu stellt sich für viele Eltern das Problem, dass sie möglicherweise weitere Kinder betreuen müssen. Insbesondere für Alleinerziehende kommt erschwerend hinzu, dass sie die Fahrt gegebenenfalls allein mit dem geschwächten Kind antreten müssen. Nicht allen Familien steht jederzeit ein Fahrzeug zur Verfügung und verschlechtert sich der Zustand des Nachwuchses unterwegs, ist es nur schwer möglich, einen Rettungswagen zu rufen. Neben diesen Bedenken bewegt viele Eltern aber auch, dass es in den Kliniken sehr lange Wartezeiten gibt. Am ersten Februarwochenende mussten die kleinen Patienten teilweise drei bis vier Stunden im Wartebereich ausharren, bevor sich ein Kinderarzt um sie kümmern konnte, wie die Bürgerinitiative berichtet. Dass dabei auch die Ansteckung mit weiteren Krankheitskeimen droht, macht die Situation nicht besser. Auch der Fall einer Familie, die mit einem Kind mit Atemnot von der angefahrenen Klinik mit der Begründung, man sei sich nicht sicher, ob man den jungen Patienten überhaupt behandeln dürfe, abgewiesen wurde, verunsichert die Eltern. Im Landkreis Sigmaringen wurde Hilfebedürftigen zudem erklärt, dass sie eine bestimmte Protalpraxis aufsuchen müssten – sie wurden an einen anderen Standort verwiesen. Am Telefon des kinderärztlichen Notdienstes sitzt auch nicht etwa eine Fachperson, die Fragen beantworten, beruhigen und eine Einschätzung der Lage treffen kann: Anrufer erreichen unter der 0180/60 77 312 nur eine Bandansage, die sie darüber informiert, wohin sie fahren sollen. Dabei besteht für alle Patienten das Recht der freien Arztwahl. Gründe genug für zahlreiche Bürgerinnen und Bürger in den beiden Landkreisen, sich gegen den Beschluss der KVBW zur Wehr zu setzen.

 

 

 

Der Gegenvorschlag

 

Naheliegend war für die Betroffenen, die Einrichtung einer Portalpraxis im Krankenhaus in Sigmaringen oder Albstadt anzuregen. Das ist allerdings nicht möglich, da eine Portalpraxis nur an eine Kinderklinik angegliedert werden kann. Die KVBW hatte die Ärzte im Zollernalbkreis aufgefordert, bis zum 7. Februar mitzuteilen, ob sie sich an eine Notfallpraxis mit Standort am Albstädter Krankenhaus beteiligen würden. Das wäre in den Augen der Kassenärztlichen Vereinigung ein Kompromiss gewesen, mit dem sie sich anfreunden wollte – vorausgesetzt, die Pädiater würden diese Notfallpraxis selbständig organisieren und finanzieren. Da Anfang des Jahres allerdings eine Grippewelle für überfüllte Wartezimmer bei den Kinderärzten sorgte und manch einer sich bis zum 6. Februar noch im Urlaub befand, war die Frist für einige Beteiligte einfach zu knapp. Andere konnten sich mit den Rahmenbedingungen nicht anfreunden. So sah es zunächst danach aus als bliebe es dabei, dass Eltern ihren kranken Kindern im Notfall den Weg in die Kliniken Tübingen und Reutlingen zumuten müssten. Dazu kam, dass sich auch die Sigmaringer fragten, ob nicht auch ihr Klinikum als Anlaufstelle infrage kommen sollte. In der Presseerklärung der Kassenärztlichen Vereinigung Anfang Februar hieß es, die Eltern hätten die freie Wahl, welche Notfallpraxis sie aufsuchen. Die KVBW wolle ihren Beitrag dazu leisten, Befürchtungen in der Bevölkerung entgegenzuwirken, dass die Notfallversorgung nun nicht mehr gewährleistet sei. Die Online-Petition für den Erhalt eines Kindernotdienstes im Kreis hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Tausend Unterzeichner. Auch Landrat Günther-Martin Pauli fand, das letzte Wort sei in dieser Sache noch nicht gesprochen.

 

Eine mögliche Lösung

 

Tübingen und Reutlingen befinden sich nah beieinander, aber der ländliche Raum im Bereich der Zollernalb liegt in Sachen kinderärztliche Notversorgung brach. Eine Sonderlösung für das Gebiet ist also gerechtfertigt. Allerdings kostet eine Notfallpraxis, die sich an den Wochenenden und Feiertagen um die Kleinen kümmert, jährlich geschätzte 40.000 bis 50.000 Euro. Am Geld solle es aber nicht scheitern, erklärte Pauli, der mit den Fraktionsvorsitzenden im Kreistag Rücksprache gehalten hatte. Alle zögen an einem Strang, der Posten werde nachträglich in den Haushalt eingebracht, sollten sich die Kinderärzte aus dem Zollernalbkreis und Sigmaringen dazu bereit erklären, die Dienste zu übernehmen. Auch Stefanie Bürkle, Landrätin im Kreis Sigmaringen, unterstützte den Vorschlag. Gemeinsam suchten sie das Gespräch mit dem stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der KV, Johannes Fechner.

 

Auch die Bürgerinitiativen blieben nicht untätig. Unterschriften wurden gesammelt, Briefe mit den gezeichneten Händen von Kindern an die KVBW verschickt, das Sozialministerium angeschrieben, mit den politischen Fraktionen gesprochen und eine gemeinsame Kompromisslinie gefunden. Den Vorwurf einer Kinderärztin, die sich in einer Tageszeitung so äußerte, dass die Eltern wohl nicht verstünden, dass eine Rundumversorgung nicht möglich sei, wollte man sich auch nicht gefallen lassen: „Viele Eltern sind sich durchaus bewusst, was sie von einer solchen Notfallsprechstunde zu erwarten hätten, nämlich eher ein Angebot das dem der niedergelassen Kinderärzte unter der Woche ähnelt. Und genau darum geht es ja auch. Es geht darum, dass Eltern bei einer sich über das Wochenende stark verschlechternden Erkrankung nicht abwägen müssen ob es noch bis Montag ‚reicht‘, oder ob sie den weiten Weg in eine der Kinderkliniken antreten müssen. Entscheiden sie sich fürs Abwarten kann das einen deutlich negativen Einfluss auf die Erkrankung haben. Entscheiden sie sich für die Kinderklinik bedeutet das je nach Wohnort bis zu zwei Stunden Fahrt, plus mehrstündige Wartezeit. Eine Zumutung für Eltern und krankes Kind, gefährlich für den Straßenverkehr und auch alles andere als förderlich für die ohnehin angegriffene Gesundheit“, schrieb eine der in der Bürgerinitiative im Zollernalbkreis aktiven Frauen. „Es geht um die Sicherstellung der kinderärztlichen Versorgung auch am Wochenende ohne stundenlang unterwegs sein zu müssen. Eigentlich sollte man über diesen Fakt in Deutschland nicht einmal nachdenken müssen, geschweige denn dafür kämpfen müssen!“

 

Die entscheidende Wende brachte ein gemeinsames Gespräch aller Akteure im Ebinger Krankenhaus Mitte Februar. Dort unterbreitete der Albstädter Kinderarzt Markus Czempiel einen neuen Vorschlag: Anstelle einer Notfallpraxis könnte eine kinderärztliche Notfallsprechstunde am Albstädter Klinikum eingerichtet werden. Diesen Vorschlag mitzutragen konnte sich von den 19 betroffenen Kinderärzten fast die Hälfte vorstellen und auch die KVBW fand sich zu Zugeständnissen bereit: Die Mediziner, die an der Sonderlösung mitzuwirken bereit wären, wolle man aus der Verpflichtung entlassen, an den Portalpraxen Dienst zu tun. Außerdem übernähme die KVBW die Kosten für eine medizinische Fachangestellte. Dass es das Krankenhaus in Ebingen und nicht das in Sigmaringen sein soll, lässt sich auf drei Gründe zurückführen: Schon früh hatte Landrat Pauli die finanzielle Situation mit dem Kreistag geklärt, es stehen mehrere Kinderärzte aus dem Zollernalbkreis für das Modell ein und in Albstadt sind passende Räumlichkeiten vorhanden.

 

Die aktuelle Situation

 

Für die niedergelassenen Kinderärzte bedeutet die Notfallsprechstunde mehr Dienste und einen erheblichen Organisationsaufwand, um die Dinge in Gang zu bringen. „Wir sind gerne bereit, weiter an einer Lösung mitzuwirken“, heißt es von Seiten der Bürgerinitiative. Die Eltern freuen sich darüber, dass ihr Engagement etwas bewirkt hat. Momentan ist aufgrund der Anzahl der Ärzte, die das Modell unterstützen, nur die Abdeckung von vier Wochenendtagen möglich. Die Hoffnung, dass sich noch mehr Pädiater anschließen, wenn die Grundlagen erst geschaffen sind, bleibt. „Wir sind vorsichtig optimistisch, dass das eine dauerhafte Sonderlösung für den ländlichen Raum in den Kreisen Zollernalb und Sigmaringen werden kann“, erklärte die Bürgerinitiative. Günther-Martin Pauli, selbst Vater dreier Kinder, ist ebenfalls zuversichtlich: „Ich weiß, wie anstrengend das alles für Eltern manchmal sein kann. Dieses kreisübergreifende Projekt ist ein großes Zeichen der Solidarität mit der Bevölkerung“. Schon seit über einem Jahr habe man versucht, ein passendes Modell zustande zu bringen. Das beherzte Herangehen der Beteiligten habe dafür gesorgt, dass ein guter Auftakt möglich geworden sei. „Je mehr Kinderärzte mitmachen, desto tragfähiger wird die Lösung sein. Wir fangen klein an, aber das kann sich entwickeln“, so Pauli. Der Kassenärztlichen Vereinigung sei er dankbar für die Möglichkeit, einen Sonderweg zu gehen. Wieviele Kinderärzte sich letztendlich an der Notfallsprechstunde beteiligen werden, ist noch nicht endgültig geklärt.

 

Klar hingegen ist: Die Räumlichkeiten für die Notfallsprechstunde befinden sich nicht direkt in der Albstädter Klinik, aber in unmittelbarer räumlicher Nähe. Als Starttermin wird der 1. April angestrebt, garantiert werden kann das aber nicht. Organisatoren, Politik, Kinderärzte und KV stehen jedoch in engem Kontakt und bemühen sich, die Notfallsprechstunde schnellstmöglich einzuführen. Dass Letztere sich jetzt dazu entschlossen hat, die Software zur Verfügung zu stellen, die die Abrechnung für die Ärzte ohne umständlichen Zusatzaufwand ermöglicht, ist ein weiterer Schritt in die richtige Richtung. Was geschieht, wenn ältere Ärzte in den Ruhestand gehen oder die Klinik in Albstadt tatsächlich zugunsten eines neuen Zentralklinikums geschlossen wird, wie aktuell diskutiert, steht jedoch in den Sternen.

 

Andrea Bogner-Unden, Grünenpolitikerin im Landtag, hatte sich ebenfalls für die Sache engagiert. „Ich denke Albstadt ist eine gute Lösung für eine kinderärztliche Notfallsprechstunde in unserer Raumschaft. Jedoch werde ich mich weiterhin besonders auch für den südlichen Landkreis Sigmaringen rund um Bad Saulgau einsetzen. […] Ich möchte das Vertrauen in die allgemeinärztliche Notfallsprechstunden zum Beispiel in Bad Saulgau stärken. Dort hoffe ich auf eine ‚Wir heißen auch kleine Patienten willkommen‘ – Kultur“, ließ sie am 18. Februar verlauten. Sie wolle mit Harald Roth, Initiator der Elterninitiative im Kreis Sigmaringen, weiterhin eng zusammenarbeiten. Außerdem hatte Bogner-Unden Johannes Fechner von der KVBW für eine Informationsveranstaltung gewinnen können: Am 10. März wird dieses als bürgernaher Austausch geplante Treffen in Sigmaringen stattfinden.

 

In Albstadt rufen der Frauenverband Courage aus Balingen und das kommunalpolitische Bündnis Z.U.G. Albstadt zu einer Demonstration mit Kundgebung am 11. März vor dem Rathaus in Ebingen auf. „Die medizinische Versorgung muss als Teil der Daseinsvorsorge wohnortnah gewährleistet werden. Auch ein kinderärztlicher Notdienst für den Zollernalbkreis gehört vor Ort und nicht nach Reutlingen oder Tübingen. Selbst wenn der Kreistag sich festgelegt hat, eine Zentralklinik anzustreben, ist die Sache noch lange nicht gegessen“, heißt es von dort. In Verbindung mit der  Kundgebung soll anlässlich des Internationalen Frauentags auch ein Frauendorf mit Infoständen angeboten werden. „Es ist notwendig und wichtig hier aktiv zu werden (oder zu bleiben) und nicht auf den Landrat allein zu vertrauen“, erklärte Elke Rapthel (ZUG).

 

Dass bürgerschaftliches Engagement sich lohnt war für viele Betroffene eine wichtige Erfahrung. „Das ist ein Beispiel für gelebte Demokratie“, befanden Matthias Stephan und Michaela Czempiel von der Bürgerinitiative. Landrat Pauli indes freut sich auch über die Zusage von Spendern und Sponsoren, die das Projekt kinderärztliche Notfallsprechstunde am Zollernalbklinikum unterstützen – erste Gelder sind bereits eingegangen.

 

 

Anne Retter